Gegen den Schluss einer Sendung im Schweizer Fernsehen, die sich mit dem allgegenwärtigen Zeitmangel und damit einhergehend der Frage befasst, wie wir die benötigte Entschleunigung finden, äußert sich der Soziologe Harmut Rosa wie folgt: „Meine Wahrnehmung ist, dass wir immer beim Subjekt anfangen. Ich muss etwas tun, ich muss wahrnehmen, ich muss etwas spüren. Ich glaube, das Leben gelingt in dem Moment, wo ich gar nicht etwas tue, sondern mich ‚anrufen lasse‘ von etwas, da draußen ist. Und ich glaube, das müssen wir wieder lernen: Uns von einer Sache packen zu lassen, die mich dann davon wegbringt, was ich spüre, will und tue, weil ich völlig überwältigt bin. Die glücklichen Momente sind doch jene, wenn etwas da draußen so stark auf uns einwirkt, dass es uns überwältigt. Das ist eine andere Erfahrung als Achtsamkeit.“
Für Hartmut Rosa führt der Weg hin zum gelingenden Leben weg vom Subjekt. Da mit Glauben laut Kant ein Bewusstsein gemeint ist, das nur subjektiv für zureichend, objektiv aber für unzureichend gehalten wird,[1] kommt er nicht ganz umhin, diese von ihm angepeilte Verschiebung weg vom Subjekt in der in diesem Zug nur scheinbar an Rang verlierenden ersten Person Singular zu formulieren. Alles andere wäre ja auch eine Anmaßung. So gucken wir doch einfach, was passieren würde, wenn ich Hartmut Rosas Glauben teilen würde. Zunächst einmal käme ich nicht umhin, seinen Ratschlag in mein Denken aufzunehmen. Ich sollte, das würde ich dann denken, nicht mehr bei mir anfangen, sondern mich „anrufen lassen“ von etwas, da draußen ist.
Die Sache, die mich richtig packt, die mich davon abbringt, was ich spüre, will und tue, weil ich völlig überwältigt bin, weist Gemeinsamkeiten mit dem Ereignis auf, zu dem laut Jacques Derrida nicht nur die Unvorhersehbarkeit und damit die Tatsache gehört, dass es den gewöhnlichen Gang der Geschichte unterbricht, sondern seine absolute Singularität.[2] Unvermittelt, wie aus dem Nichts, bricht es in jene persönliche Geschichte ein, deren Lauf vorbestimmt zu sein schien. Dass es anders kommen könnte, als ich gerade eben noch geglaubt habe, es käme, das habe ich zum selben Zeitpunkt noch gar nicht gewusst. Ich habe mich packen lassen und bin völlig überwältigt.
Das Ereignis, so Derrida weiter, ist das, was niemals vorausgesagt werden kann. Ein vorausgesagtes Ereignis ist kein Ereignis. Es bricht über mich herein, weil ich es nicht kommen sehe.[3] Was man dagegen kommen sieht, was man sprechend oder auch nur denkend vorwegnimmt, kann kein Ereignis mehr sein. So erkennt man vermutlich schon, woran das Unterfangen scheitern wird: Mein Denken wird, wenn ich diesem Ratschlag folge, zu einem Präventivinstrument, der dem Gelingen entgegensteht.
Denn just diese Antizipation widerstrebt der Bedingung sine qua non des Ereignisses. Wer in seinem Kopf die verrücktesten Dinge durchdenkt, die ihm widerfahren könnten, der verhindert dadurch, dass ein konkretes Sich-Ereignen dieser selben verrückten Dinge den Status eines Ereignisses einnehmen. Gerade dadurch, dass man sie vorher durchdacht hat, werden diese nur vermeintlich ver-rückenden Dinge gerade ge-rückt. Gleich verhält es sich mit dem vorgeschlagenen „Sich-Anrufen-Lassen“: So wie ich es gedanklich antizipiere – ich will mich ab jetzt anrufen/packen lassen, damit mein Leben gelingt –, treffe ich nicht mehr unvorbereitet genug auf das möglicherweise Anrufende oder Packende, um mich wirklich anrufen oder packen zu lassen. Mein antizipierendes Denken hat es längst in den nunmehr berechenbaren Lauf der Dinge eingefügt und dadurch verunmöglicht. Durch diese geistige Antizipation ist es jener brutalen Sprengkraft beraubt worden, die in der verlangten Unmittelbarkeit läge.
Hartmut Rosa vernachlässigt jene unheimliche Macht des Denkens, die schlicht darin liegt, dass man es tut, in diesem Fall auf seinen Ratschlag hin. Wenn ich nun, ihm folgend, daran denke, dass ich mich anrufen oder packen lassen sollte, um ein möglichst gelingendes Leben zu führen, dann wird mir das Letztere versagt bleiben. Das gelingende Leben wird selbst zu genau dem, was es nicht sein sollte und wollte: es wird zu einem Teil einer Rechnung. Es scheint also Fälle zu geben, in denen das Denken, das ja allgemein in Hinsicht auf seine Fähigkeit zur Problemlösung in einem halbwegs ordentlichen Ruf steht, zum Problemverursacher wird. Man sollte es nicht glauben, aber manch ein Problem ist solange zwar nicht gelöst, aber immerhin gelöst-er, wie es nicht als solches erkannt und/oder thematisiert worden ist. In diesem Falle macht die anvisierte Lösung es unlösbarer. Freilich bedeutet das umgekehrt nicht, dass das Leben gelingt, wenn man aufhört, über solche Möglichkeiten seines Gelingens nachzudenken. Es wäre aber immerhin möglich(er!).
Nach wie vor und einmal mehr gilt also: „Never trust a Hippie!“. Wobei anzufügen ist, dass mit Hippie in diesem Fall jemand gemeint ist, der einem Ratschläge erteilt, wie man denn ein „gelingendes Leben“ führt. Und da ich an dieser Stelle erkenne, dass ich in dieselbe Falle zu tappen drohe, die ich gerade beschrieben habe, wenn ich selbst einen Ratschlag wie „Never trust a Hippie!“ erteile, breche folgerichtig an diesem Moment ab und stelle das alles zur Disposition.
[1] Dadurch unterscheidet der Glaube sich vom Meinen, einem sowohl subjektiven, als auch objektiv unzureichendem Fürwahrhalten. Ein sowohl subjektiv als auch objektiv zureichendes Fürwahrhalten nennt sich dann Wissen. I. Kant, Kritik der reinen Vernunft. Hamburg 1976: S. 741.
[2] J. Derrida, Eine gewisse unmögliche Möglichkeit, vom Ereignis zu sprechen. Berlin 2003: S. 21.
[3] Ebenda: S. 35.
Irgendwie erinnerte mich das dann an Münchhausen…, dem gelang allerdings, aufgrund seines wunderbar soldatischen Zopfs, was niemand bisher vollbracht hatte.
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Rosa dagegen wird nicht versinken, aber mit solchen Lösungsangeboten wird er in einer Wiederholungschleife hängen bleiben. Aber vielleicht gefällt es ihm dort ja…
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